Ein neuer Anfang: die deutsch-amerikanischen Beziehungen nach Trump

Let the good times roll – lass‘ die guten Zeiten kommen – war ein Song im amerikanischen Soldatensender AFN in den fünfziger Jahren. Dies erinnerte mich an meine zweite USA-Reise 1994 und ich las erneut meinen Reisebericht von damals:

Thank you Amerika

Im Sommer vergangenen Jahres bereiste ich auf Einladung der amerikanischen Regierung die USA. Ich – ein Brandenburger, dem als Ostdeutschen in der Nachkriegsordnung von Jalta die russische Besatzungsmacht verordnet wurde, sah nach Jahrzehnten hinter Mauer und Stacheldraht Washington, Newport, Cleveland, Los Angeles, Saltlake City, Jackson und New York. Das hätte unsereiner früher nicht einmal zu träumen gewagt.

Dabei gibt es gerade zwischen dem Nordosten Deutschlands und den USA historische Bindungen, ja überraschende Parallelen. Ähnlich wie die Vereinigten Staaten von Nordamerika Menschen aus ganz Europa anzogen und trotz verschiedener Abstammung rasch zu Amerikanern machten, verhielt es sich auch mit dem preußischen Staat vom Großen Kurfürsten bis zu Friedrich dem Großen; den anderen Deutschen erschien Preußen daher häufig als ein Kolonialland im Osten, gewissermaßen entsprach Deutschlands wilder Osten dem wilden Westen Amerikas.

Übrigens war Friedrich der Große einer der ersten europäischen Souveräne, der nach der von Jefferson entworfenen Unabhängigkeitserklärung der englischen Kolonien von 1776 die geschaffenen Verhältnisse diplomatisch anerkannt hat. Es war ein preußischer Offizier, F. W. von Steuben, der 1778 von George Washington zum Generalinspektor des Bundesheeres ernannt wurde. Er schuf die Felddienstordnung der amerikanischen Armee, die lange in Kraft blieb.

Im September 1785, also noch ein Jahr vor seinem Tod, schloss der preußische König Friedrich II. mit den USA einen sehr bemerkenswerten Freundschaftsvertrag, um dem Seehandel auch in Kriegszeiten größere Freiheit zu sichern und um Grundsätze der Humanität in der Kriegsführung festzulegen, also lange vor Genfer und Haager Konventionen. „Das ist der liberalste Vertrag, der jemals zwischen unabhängigen Staaten geschlossen wurde“, schrieb damals George Washington an einen französischen Diplomaten. Die beiden damals modernsten Staaten der Welt hatten schon früh zueinander gefunden.

Obwohl wir Ostdeutschen im kalten Krieg hinter der Mauer eingeschlossen bzw. von der westlichen Welt ausgeschlossen waren, ist auch in diesem Teil Deutschlands die Fackel der Freiheit selbst in den dunkelsten Stunden unserer Geschichte nie erloschen.

Uns verbinden heute gemeinsame Interessen – natürlich. Aber ich bin mir ganz sicher, dass uns viel mehr verbindet als ein gemeinsames Wirtschafts- und Rechtssystem. Uns verbinden die Ideale der freiheitlich-demokratischen Kultur des Westens. Wie nahe wir uns sind, habe ich auf dieser USA-Reise gemerkt. Trotz größerer geografischer Entfernung sind die Vereinigten Staaten in weit höherem Maße ein europäisches Land als etwa die ehemalige Sowjetunion es je war. Wir haben dieselben Wurzeln – nicht nur durch viele Millionen deutscher Einwanderer. Unsere gemeinsame Demokratie ist die Folge von Renaissance, Reformation und Aufklärung. Diese leiteten die Abkehr von der Idee ein, dass eine Gruppe der Gesellschaft der anderen ihre Gewissheiten vorschreiben kann. Könige, Fürsten, Oligarchen, Parteien und Führer mussten den Anspruch aufgeben, am besten zu wissen, was ihren Untertanen frommt.

Amerika hat der Welt viel gegeben – viel mehr als Cadillac und Coca Cola. Es hat in den Gang der Weltgeschichte entscheidend eingegriffen. Spätestens 1917 begann der Siegeszug des „american way of life“ um die Welt. Zum ersten Mal griff eine außereuropäische Macht entscheidend in Europa ein. Bis dahin war es ja immer umgekehrt. Die USA waren es denn auch, die wirtschaftlich und militärisch den entscheidenden Beitrag zur Niederwerfung der totalitären Achsenmächte – Nazideutschland, Japan und Italien – im zweiten Weltkrieg leisteten. Sie haben damit verhindert, dass die Orwell‘schen Visionen Wirklichkeit wurden.

Und es war wieder Amerika, das sich nach 1945 durch eine konsequente antikommunistische Politik mit dem Sowjetimperialismus auseinandersetzte. Das war besonders wichtig für uns Deutsche. Amerikaner waren die ersten, die uns Deutschen – aus welchen Gründen auch immer – die Hand reichten. Für mich Amerikas beste Seite – dem anderen einen Vertrauensvorschuss zu geben.

Die USA haben Berlin gehalten im schweren Blockadewinter 1948/49 und in der 2. Berlinkrise von 1958 bis 1962. Sie haben nicht nur mit Marshallplangeldern und Carepaketen den Westdeutschen geholfen, sondern sie haben auch und gerade für uns Ostdeutsche das freie Berlin behauptet und damit die deutsche Frage, das Tor zur deutschen Einheit offengehalten.

Und so war es auch kein Zufall, dass 1990 die USA die einzige wichtige auswärtige Macht waren, die die deutsche Einheit wirklich wollte. Begreiflich, dass andere das nicht wollten. Sicherlich sind die USA zu groß und zu weit weg, um Angst vor Deutschland zu haben.

Hinterher ist es leicht zu sagen, es kam wie es kommen musste. Natürlich war immer klar, dass das Sowjetimperium eines Tages untergehen musste. Aber wie der Kommunismus aus der Geschichte verschwinden würde – ob mit einem leisen Röcheln oder mit einem lauten Knall – das war offen. Die USA haben gerade in den entscheidenden 80er Jahren den Sowjetmachthabern die Flucht nach vorne verlegt – so kam Gorbatschow.

Es wäre nicht ehrlich, würde ich hier nicht auch auf Probleme und Enttäuschungen eingehen. Natürlich gibt es bei den Kommunisten, in Teilen der intellektuellen Linken und auch bei Rechtsradikalen einen virulenten Antiamerikanismus. Bis zu einem gewissen Grade musste sich der westdeutsche Musterschüler von den USA abnabeln. Siegmund Freud würde sagen, ein Vater-Sohn-Konflikt – und dennoch bleiben wir in einer Familie.

Aber auch hierbei ist es der unverwüstliche amerikanische Optimismus, der mich hoffen lässt. In Deutschland schreit man schon beim Konkurs einer privaten Fluggesellschaft sofort in hysterischen Jammerarien nach dem Staat, der die Verluste für Urlaubspassagiere gefälligst sofort zu regulieren hat.

Auf meiner Amerikareise wurden im Fernsehen Opfer der Hochwasserkatastrophe am Mississippi interviewt. Menschen, die gerade buchstäblich ihren gesamten irdischen Besitz verloren hatten – und sie klagten nicht, sie riefen nicht nach dem Staat, sondern vertrauten auf ihre eigenen Kräfte, ja mehr noch, sie freuten sich, dass sie noch lebten. Und diese pure Lust am Leben, trotz allem Elend, aller Gefahren und Ungerechtigkeiten – auch die können wir von den Amerikanern lernen. Deshalb:

Well done, and thank you Amerika!

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