Von außen sieht man manchmal besser

Mein Freund Dr. Wagner ist Deutscher und lebt seit vielen Jahren in Österreich. In einem Brief vergleicht er das Krisenmanagement in beiden Ländern.

Lieber Michael,

vielen Dank, dass Du Dich gemeldet hast. […] Wir haben uns gründlich mit der Coronapolitik in Deutschland und Österreich beschäftigt und sehen gravierende Unterschiede, die von den deutschen Medien ignoriert werden. Ich möchte Dir meine Beobachtungen deswegen gerne mitteilen.

In Deutschland ging die Epidemie mit den Rückkehrern aus den Tiroler Skigebieten richtig los. Sie fuhren über die Grenze unkontrolliert zurück und haben besonders in Bayern und Baden-Württemberg zu einer starken Virusverbreitung geführt.

Kurz nach dieser Rückkehr profilierte sich der Außenminister im Bewusstsein der Epidemiegefahr durch eine Rückholaktion für Urlauber, die ohnehin alle ihre Rückflüge gebucht hatten. In der Summe kamen mehr als 100.000 Personen über deutsche Flughäfen ohne jede Kontrolle nach Deutschland. Bilder zeigten, wie sie von Angehörigen am Flughafen umarmt wurden. Zu dieser Zeit gab es erste Verhaltensempfehlungen der Regierung, die aber bei der Rückholaktion ignoriert wurden.

Die Bundeskanzlerin lobte am Epidemiebeginn die Arbeit ihres Gesundheitsministers und berief Helge Braun zum Corona-Sonderbeauftragten. Von diesem hat man seitdem fast nichts gehört. Der Gesundheitsminister hatte kurz vorher die gelagerten Schutzausrüstungsbestände an China gespendet. Diese fehlten nun. Stolz führte er im TV durch bestens ausgestattete Intensivstationen, für die es kein ausreichend geschultes Personal gab. Um die Versorgung mit Schutzkleidung in Pflegeheimen kümmerte er sich nach Wochen, indem er eine Bestellung im Ausland verkündete, ohne einen Liefertermin benennen zu können. Eine Anweisung an alle Bürgermeister, die Bevölkerung mit örtlich in Heimarbeit gefertigten Gesichtsmasken zu versorgen, unterließ er. Er hielt es auch nicht für nötig, die mögliche Produktion durch Firmen in Deutschland zu organisieren. Aus einer Diskussion über die Zweckmäßigkeit solchen Gesichtsschutzes hielt er sich heraus. Dafür konnte man im TV beobachten, dass er und Armin Laschet das richtige Anlegen des Gesichtsschutzes nicht beherrschten.

Frau Giffey fühlte sich berufen, sich um Gewalt gegen Kinder in Familien zu sorgen und vor Vergewaltigungen durch arbeitslose deutsche Ehemänner zu warnen. Dass deutsche Eltern infolge jahrzehntelanger sozialistischer Familienpolitik den dauerhaften Umgang mit ihren Kindern verlernt hatten, kam ihr nicht in den Sinn.

Der Finanzminister sah die Gelegenheit gekommen, die Staatskassen für Wohltaten an fast Jedermann zu öffnen. Ob diese Wohltaten im versprochenen Umfang von den Empfängern gebraucht werden oder nicht, spielte eine untergeordnete Rolle.

Die Kanzlerin schaltete nach eigenem Bekunden vom „Auf Sicht fahren“ auf „tägliches Handeln“ um. Außen- und Finanzminister ließ sie machen, was sie wollten. Fachinformationen überließ sie den Experten. Der Bevölkerung riet sie mehrfach zum vernünftigen Verhalten, ohne verbindliche Regeln und Kontrollen vorzuschreiben. Die Schutzvorkehrungen moderierte sie zwischen den Ministerpräsidenten. Immerhin kam es bundeseinheitlich zur Schließung von diversen Einrichtungen, in denen besondere Ansteckungsgefahr bestand. Dagegen scheiterte eine anderenorts äußerst effektive App zur Verfolgung von Infektionen nicht nur an technischen Fähigkeiten.

Die Opposition redete die Infektionsgefahren klein. Dafür sorgt sie sich um persönliche Freiheiten und mangelndes Geld für Klimaschutz.

Die Mainstreammedien lobten die Bundeskanzlerin für ihr entschlossenes und umsichtiges Handeln als Physikerin, obwohl sie den Beruf nicht ausgeübt hatte und die Physik mit der Medizin nicht viele Berührungspunkte hat. Kritik wurde allenfalls an den Experten und kaum am Krisenmanagement geäußert. Der österreichischen Krisenpolitik wurden Selbstlob, Angstmache und Fehler vorgehalten.

Trotz dieser Ereignisse wanderte die deutsche Wählerschaft in erstaunlichen Umfang von den Grünen und der AfD zur CDU.

Soweit meine Beobachtungen zum deutschen Krisenmanagement. Was geschah in dieser Zeit in Österreich?

Österreich schloss die Tiroler Epidemiegebiete zu spät. Doch ließ es die eigenen Touristen und Mitarbeiter dort in Quarantäne, bis sie symptomfrei waren. Ein Versäumnis war es, die ausländischen Touristen nicht bis zur Ausreise zu begleiten. Das führte dazu, dass einige ausländische Touristen sich weiter in Österreich aufhielten und die Infektion verbreiteten.

In den Gemeinden wurden an alle Haushalte umgehend verbindliche Verhaltensregeln auf Merkblättern verteilt, die auch kontrolliert wurden. Auf Nachfrage zur Rechtsstaatlichkeit dieser Regeln antwortete der Bundeskanzler Kurz: Bis zur endgültigen juristischen Prüfung werde die Epidemie verschwunden sein. Mit seinen Fachministern tritt er regelmäßig vor die Presse, und jeder Minister begründet für sein Ressort die jeweiligen Maßnahmen. Diese gelten für das ganze Land. Ein Rivalisieren der Länderchefs gibt es nicht.

In unserer Gemeinde bot der Bürgermeister Einkäufe für Risikopersonen an. Wir haben daraufhin Medikamente im Gemeindebüro telefonisch bestellt. Nach einer halben Stunde hat sie der Bürgermeister persönlich bei uns abgeliefert. Außerdem hat die Gemeinde in Heimarbeit Gesichtsmasken anfertigen lassen und sie an alle Haushalte verteilt.

Kindergärten und Grundschulen sind zur Betreuung von Kinder mit berufstätigen Eltern geöffnet. Älteren Kindern wird zugemutet, alleine zu Hause zu sein.

Offizielle Statements von Experten gibt es nicht. Dadurch wird die Bevölkerung nicht durch widersprüchliche Expertenäußerungen verunsichert.

Der Erfolg dieser Maßnahmen zeigt sich an der Eindämmung der Epidemie. Die Wählerschaft dankt es in Umfragen mit einer fast absoluten Mehrheit für Kanzler Kurz.

Lieber Michael. Das ist ein langer Bericht geworden, den ich Dir nun zumute. Wenn Du ihn auf Deine Homepage bringen möchtest, habe ich nichts dagegen.

Sobald wir wieder nach Berlin kommen können, werden wir uns melden. Wir hoffen auf ein baldiges Wiedersehen.

Viele Grüße […],

Martin

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