Rückblick auf den Herbst 1989

Ein sentimentaler Zyniker hat mir mal erklärt, die Ehe sei der Sieg der Hoffnung über die Erfahrung. So ähnlich scheint es mit der sozialistischen Idee zu sein. Nachdem die kommunistischen Terrorregime im 20. Jahrhundert weltweit über 100 Millionen Tote zu verantworten haben, wirkt gegen alle Vernunft die Faszinationskraft der sozialistischen Idee fort. Ich erinnere mich deutlich an ein mehrstündiges Vier-Augen-Gespräch mit dem Oranienburger Pfarrer Scheidacker – ein hoch intelligenter, universell gebildeter und vor allem ehrlicher und mutiger Mann – mir intellektuell weit überlegen. Meine Fakten und Argumente akzeptierte er alle. Und trotzdem beschwor er fast verzweifelt immer wieder: Aber die Idee ist doch gut. Nein Herr Pfarrer, eine Idee, die solche Ergebnisse zeitigt, kann nicht gut sein.

Das war im Herbst 1989 mein persönliches Problem mit der Opposition. Viele kritisierten die SED von links, wollten im Grunde eine bessere DDR. Ich aber wollte die DDR nicht besser, ich wollte sie überhaupt nicht. Bei vielen Linksintellektuellen und weiten Teilen des protestantischen Klerus spukte noch eine weitere, in meinen Augen völlig unsinnige, ja rassistische Vorstellung herum: das deutsche Volk habe durch die Naziverbrechen sein Recht auf Selbstbestimmung und nationale Einheit verloren. Der Friede in Europa verlange geradezu die deutsche Teilung. So als gäbe es gute und schlechte Völker, wie es gute und schlechte Menschen gibt. Ich war mir ganz sicher, dass der Sozialismus historisch scheitern würde, denn dieses System widersprach nicht nur der wirtschaftlichen Vernunft, sondern auch der menschlichen Natur, die auf Freiheit angelegt ist. Aber über Ausmaß und Zeitpunkt habe auch ich mich gründlich geirrt. Gespannt beobachtete ich, wie das Sowjetimperium immer weiter implodierte, da die Reagan-Administration ihm die Flucht nach vorn verstellte. Denn das hatte in der russischen Geschichte ja Tradition, innere Widersprüche durch Aggression nach außen zu kompensieren. Insofern witterte ich im Spätsommer 1989 Morgenluft, konnte mir aber nicht vorstellen, dass Moskau seine Kriegsbeute kampflos preisgeben würde. Noch im Frühjahr 1989 ging ich zur wie stets gefälschten Kommunalwahl, nur um meine nächste Westreise nicht zu gefährden.

Sehr schmerzhaft war für mich die Ausreise vieler mir nahestehender Menschen. Ein Schulfreund ging in den Westen und bat mich, seine zurückgelassene Familie zu unterstützen, bis er sie nachholen könnte. Ich selbst wollte keinen Augenblick gehen. Für mich war die DDR ein spannender Film, dessen Ende ich nicht verpassen wollte. Im Oktober stieß ich zu der damals noch kleinen Gruppe des Neuen Forums in Oranienburg, einer sehr heterogenen Versammlung. Einig waren wir uns darin, wogegen wir waren, aber nicht so recht wofür. Trotzdem erinnere ich mich gerne an diese Zeit, an Menschen wie Dr. Christian Rößler, Brunolf Metzler, Miriam Kähler, Harry Goede und Volker Ernst. In diesem Herbst kamen wir an einem Punkt, wo man Position beziehen musste. Psychologisch hochinteressant. Bringt doch ein solcher politischer und gesellschaftlicher Umbruch im Menschen das Schlechteste hervor, aber eben auch das Beste. Da zeigte jeder sein wahres Gesicht. Die evangelische Kirche war in meinen Augen insgesamt eine eher widerwillige Leihmutter der friedlichen Revolution im versagenden Sozialismus. Aber es gab auch mutige Pfarrer, wie z. B. Herrn Phillip, die frühzeitig und eindeutig Position bezogen. Naiv wie wir waren, verschwendeten wir unsere Zeit bei stundenlangen, nutzlosen Debatten mit Vertretern der alten SED-Nomenklatura – vom Runden Tisch weg auf die lange Bank. Am Abend des 9. November kam ich todmüde nach Hause und sah im Fernsehen, wie Menschen auf der Mauer tanzten. Mein erster (blöder) Gedanke war, dass nun keiner mehr zu unserer ersten (halblegalen) Demonstration am 18. November kommen würde. Es kamen dann aber doch ca. 2.000 Oranienburger. Wirklich konsequent und kompromisslos war man bei der Ablehnung der Staatssicherheit und des Spitzelunwesens. Auf lokaler Oranienburger Ebene fand die entscheidende Konfrontation in der Kreisdienststelle des Ministeriums für Staatssicherheit in der Greifswalder Straße statt, wohin der erste Sprecher des Neuen Forums, Dr. Rössler, die Arbeiter des Kaltwalzwerkes zu kommen aufgefordert hatte, um die Aktenvernichtung bzw. deren Verlagerung nach Potsdam zu verhindern. Und sie kamen. Er selbst war erkältet und überließ mir die Moderation. Natürlich hatten wir Angst, denn die Stasimänner waren ja immer noch bewaffnet. Doch auch mein Gegenpart, Oberstleutnant Lehnert vom MfS, hatte erhöhten Puls. Später am Runden Tisch erzählte er mir grinsend: Herr Ney, im Oktober in Schwandte haben Sie ihren Wagen in der Dunkelheit vor dem Ortseingang abgestellt als Sie zu Pfarrer Kähler gingen. Da waren Sie ja vorsichtig, aber nicht vorsichtig genug. Wir haben alles mit Infrarotkameras mitbekommen. Ich antwortete nur: Na und, was hat es ihnen genützt?

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