Rost am Schwert der Arbeiterklasse – Alltagserfahrungen nach dem Bau der Mauer

Es war im Sommer 1961. Beim Abendbrot berichtete die Tagesschau vom Treffen Chruschtschow-Kennedy in Wien, als mein Vater einen minutenlangen Wutanfall erlitt. Sein Zorn richtete sich ausschließlich gegen Kennedy (Chruschtschow war für ihn sowieso ein Verbrecher). Die Mauer ahnte er als solche wohl nicht. Aber er vermutete intuitiv: Die einigen sich auf unsere Kosten. Also eine Art Frontbegradigung – Kuba gegen West-Berlin. Meine Mutter, eine kluge, gebildete Frau sagte nur: Warum sollten die Amerikaner für uns einen Atomkrieg riskieren?

Wenige Wochen später, am 13. August war es dann so weit. Die Falle schnappte zu. Konnte man vorher wenigstens noch flüchten, waren jetzt 17 Millionen Deutsche dem SED-Regime schutzlos ausgeliefert. Ich war damals zehn Jahre alt und erinnere mich noch deutlich an den Besuch von US-Vizepräsident Johnson, wenige Tage nach dem Mauerbau in Berlin. Von ihm stammt der Ausspruch: Am Anfang sieht es immer so aus, als wären Diktaturen für die Ewigkeit but their days are numbered – aber ihre Tage sind gezählt.

Es wurden jedoch viele Tage mit der Mauer. Diese war nicht nur ein Bauwerk, sondern ein Lebenszustand. Ohne sich in Lebensgefahr zu begeben, kam man hier nicht mehr raus. Das zwang zu Anpassung im grauen Alltag. Von dieser Anpassung war es nicht weit zum Opportunismus. So wie die evangelische „Kirche im Sozialismus“ sich lieber einrichtete, als etwas auszurichten, werfe ich mir auch heute vor, nicht stärker und vor allem früher widerstanden zu haben. Es war nicht alles schlecht, hörten wir nach 1989 wie schon nach 1945. Es war nicht alles schlecht, d. h. wir haben es uns gut gehen lassen, als es anderen schlecht ging.

Natürlich war nicht alles schlecht, aber was gut war, war nicht wegen der SED-Diktatur gut, sondern trotz ihrer. Natürlich gab es auch in der DDR ein Leben mit Glück, Liebe, Erfahrung, mit Freundschaft und Gemeinschaft. Aber es war ein Leben ohne Selbstbestimmung, ohne Freiheit. Denn für die Selbstbestimmung ist die Kontrollierbarkeit der Staatsmacht zwingende Voraussetzung. Es gab keine freien Wahlen, keine freie Presse, keine unabhängige Justiz, keine Grundrechte, keine Gewaltenteilung und natürlich auch keine Reisefreiheit. Damit hatte der Einzelne keine Wahlfreiheit in der praktischen Lebensgestaltung.

Persönlich war ich immer privilegiert: geistig moralisch durch mein Elternhaus und andere wichtige Menschen, die ich zum Glück kennenlernte und die mich wesentlich geprägten. Materiell begünstigt war ich durch die Westverwandtschaft, die uns reichlich mit Paketen, Westgeld, Genex-Auto usw. versorgte. Der Mangel an alledem gehörte zu den Hauptprodukten des Sozialismus. Was wäre aus mir geworden ohne diese Privilegien? Das will ich lieber nicht zu genau wissen. Ich konnte Abitur an der damaligen Runge-EOS machen. Der politisch-ideologische Druck war dort allerdings viel stärker, als vorher an der achtjährigen Grundschule. Selbst meine Wehrpflicht konnte ich in Oranienburg ableisten – eine Freude, auf die ich gern verzichtet hätte. Das Studium an der Universität Halle/Saale war mir möglich, weil in meinem Jahrgang das Fach Wirtschaftsrecht „überweibt“ war, d. h. zu viele Mädchen. Deshalb wurden die jungen Männer ohne Prüfung angenommen. Anschließend fand ich im Stahlwerk Hennigsdorf eine relativ bequeme Nische. Ich sah viel und wurde doch selbst kaum wahrgenommen. Nur mein Direktor bescheinigte mir regelmäßig, wenn ich widersprach oder wir uns stritten: Ney, du bist Rost am Schwert der Arbeiterklasse. Irgendwie hat er damit wohl das richtige getroffen. Man richtete sich ein und war trotzdem nicht zufrieden. Während im westlichen Jugendwahn (bei Medien und Werbung) der Mensch im Alterungsprozess eine Abwertung erfährt, wurde man in der späten DDR im Alter relativ freier, weniger erpressbar und mit 65 winkte der Reisepass. Obwohl es mir persönlich materiell gut ging, und ich sogar Zugang zu westlicher Literatur und Zeitschriften hatte, wurde ich mit meinem Leben immer unzufriedener. Man fühlte sich eingeschlossen bzw. ausgeschlossen. Jede Postkarte aus Paris oder Mallorca versetzte mir einen Stich. Wenn ich Westbesucher oder später meine verrenteten Eltern am Bahnhof Berlin-Friedrichstraße abholte oder zurückbrachte, kam ich mir immer vor wie ein Affe vor dem Bananenladen.

Das allgemeine Lebensgefühl war für mich eine Stagnation, sogar ein Abstieg – entgegen meiner damaligen Jugend. Mit all der Unruhe, die in diesem Lebensalter normalerweise liegt. Ein ökonomischer Abstieg – von Jahr zu Jahr sichtbarer, die immer weiter um sich greifende, ungebremste Umweltverschmutzung, z. B. durch das Oranienburger Pharmawerk. Aber eben auch ein moralischer Abstieg (z. B. der zwischenmenschlichen Umgangsformen, Alkoholkonsum, Denunziantentum, Schattenwirtschaft, Beziehungswesen, Korruption u. a. m.). Die allgemeine Nivellierung nach unten, der Verfall und die Verwahrlosung der Städte, der Dreck, das Grau des Alltags – alles das minderte die Lebensqualität. Jeder der ab den 1970er Jahren ausreiste, hatte natürlich moralisch das Recht dazu. Aber irgendwie entmutigte das die Zurückgebliebenen. Denn es änderte sich einfach nichts zum Besseren. Als ich 1986 von meiner ersten Westreise zurückkehrte, hatte ich gehofft, der Druck würde nachlassen. Das Gegenteil war der Fall. Rein visuell war die westliche Konsumwelt und Dienstleistungsgesellschaft bunt und verlockend. Beim Betreten der ersten Bahnhofstoilette im Westen dachte ich, in einen Operationssaal geraten zu sein, so sauber war es. Ich war plötzlich Subjekt und nicht Objekt. In den Restaurants der DDR musste der Gast beim Kellner einen guten Eindruck erwecken, um platziert und bedient zu werden. Erst viel später fragte ich mich: Was verdirbt den Menschen mehr, der Mangel oder der Überfluss? Beides ist nicht gesund, aber der Überfluss ist natürlich angenehmer.

All diese 28 quälenden, grauen, endlosen Jahre von 1961 bis 1989 lagen wir im Gravitationsfeld des nahen Westens – allein schon durch das Fernsehen. Der Westen hatte uns spätestens mit der Appeasement-Politik der 1970er Jahre abgeschrieben. Und im Osten wurde jeder Reformversuch, wie 1968 in der ČSSR oder in den 1980er Jahren in Polen, unterdrückt.

Wer sich nicht rührte, spürte die Ketten nicht. Mancher wollte nicht Freiheit, sondern Sicherheit. Und am sichersten ist man nun mal im Gefängnis. Die Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach drückte es so aus: Die gefährlichsten Feinde der Freiheit sind die glücklichen Sklaven. Aber die meisten DDR-Deutschen waren keine glücklichen Sklaven, auch wenn sie hierblieben. Natürlich sind wir Deutsche nicht besser als andere Völker – aber schlechter eben auch nicht. Wir sind kein Volk von Mördern, Spitzeln und Versagern. Selbst in den dunkelsten Stunden unserer Geschichte ist die Fackel der Freiheit auch hier nie ganz erloschen. Denjenigen, die ihre Lebensleistung entwertet sahen, sei gesagt: Ein politisches Engagement kann vergebens sein, aber gelebte Jahre sind nie vergeblich. Die gelebten Jahre kann dir keiner mehr nehmen. Man überschätzt immer die Macht des Bestehenden. Das zeigte sich im Herbst 1989. Die DDR war keine Republik, keine deutsche und eine demokratische schon gar nicht. Die DDR fand genau das Ende, das sie verdiente.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.